Comics in der Stadtteilbibliothek Falkenhagener Feld

Ein Plädoyer für den Einsatz von Comics zur Leseförderung

 

Mai 2018, Berlin-Spandau. Eine vierspurige Ausfallstraße mit dichtem Auto- und Busverkehr, Flugzeuge im Landeanflug auf Tegel. Wer in der Großraumsiedlung Falkenhagener Feld wohnt, bekommt die ganze Dröhnung Berlins ins Ohr. Mittendrin die Stadtteilbibliothek umgeben von Hochhäusern aus den 1960-er und 70-er Jahren. Drinnen wird vorgelesen. Zu Gast ist gerade eine Kita-Gruppe aus einer der zahlreichen Einrichtungen im Umfeld der Bibliothek.

 

Sofort ins Auge fällt die Rundumpyramide am Eingang mit aktuellen Comics, Mangas und Graphic Novels. Darum bin ich hier: die Stadtteilbibliothek setzt auf Comics zur Buch- und Lesevermittlung.
Begonnen hat alles 2015 mit dem aus Mitteln des Projektfonds „Soziale Stadt“ finanzierten Projekt „Checkpoint Bibliothek – Jungs in die Bibliothek“, in dessen Rahmen der Medienbestand an Comics und die digitale Technik ausgebaut werden konnte. Inzwischen verfügt die Bibliothek über einen Bestand von gut 1.000 Comic-Medien bei einem Gesamtbestand von 24.000 Medien.
„Was läuft denn am besten bei Kindern und Jugendlichen?“, will ich von der Leiterin Regina Schulze-Dau wissen. „Gelesen wird viel in der Bibliothek, ausgeliehen aber hauptsächlich, was zu Hause aus dem Privatfernsehen oder aus den Streaming-Diensten bekannt ist: Ice Age, Eiskönigin, StarWars. Eigentlich alles, was gerade so im Fernsehen und Kino läuft.“

 

Die Besucher der Stadtteilbibliothek decken sich überwiegend mit der Zielgruppe, die aus sozialen Brennpunkten bzw. Quartiersmanagementgebieten bekannt ist: schwierige Einkommensverhältnisse, Migrationshintergrund, sprachliche Defizite. „Die meisten Kinder haben am Ende der 2. Klasse gerade das Alphabet durch. Schon die Kleinen sind mit Bildern überflutet“, meint die Leiterin, die mit ihrem Team fast täglich Veranstaltungen anbietet.
Die Bibliothek setzt auf Coverpräsentation, so gut es die Möblierung hergibt. Der Comic-Corner ist bewusst im Hausaufgabenbereich eingerichtet, damit die Bücher im Blickfeld der Schüler und Schülerinnen sind. Zum Schmökern liegen „Das Lustige Taschenbuch“, alle Gregs Tagebücher und auch Mangas aus.

 

„Hier im Kiez sind wir die einzige Kultureinrichtung, die eine Medienvielfalt zeigt und anbietet.“ Diese Vielfalt muss vermittelt werden. Comics, die stilistisch, künstlerisch oder sprachlich nicht auf den ersten Blick lesbar sind, haben es schwer. „Mitgenommen wird, was bekannt ist: Wimmelbücher bei Jüngeren. Die gehen ja auch immer mehr in Richtung Comic. Gut laufen auch Pettersson und Findus oder Die Kuh Lieselotte.“ (Mittlerweile auch als Comic-Buch für Erstleser erhältlich). „Bei den Älteren auch Marvel- und DC-Comics mit Superhelden.“
Comics sind Bücher mit Humor. „Da geht auch mal was schief. Das verstehen die Kinder.“ Überhaupt findet Regina Schulze-Dau: „In Comics gibt es coole Helden. Da ist alles möglich und auch erlaubt. Es bleibt ja eine erfundene Geschichte. Die Kinder können ihre Fantasie ausleben. Das ist für mich das Allerwichtigste am Comic.“

 

„Die Schulklassen sind das A und O unseres bibliothekspädagogischen Ansatzes. Über diese regelmäßigen Besuche kommen dann auch Kinder an Nachmittagen zu uns.“
Entdecken Kinder, die zum ersten Mal mit einer Klasse hierherkommen, beispielsweise ein Superman-Buch, dann rufen sie lautstark „Superman“. Über solche Helden kann man Jungen und Mädchen aus dem Umfeld gewinnen. „Dann entdecken sie manchmal nebenbei auch andere für uns wertvolle Titel.“

 

Neben regelmäßigen Klassenbesuchen sind Medienkisten, deren Inhalt zielgruppengerecht und individuell zusammengestellt wird, ein wichtiges Angebot, um in den Schulen präsent zu sein. Selbstverständlich sind immer einige Comic-Titel, u. a. aus dem Berliner Verlag Reprodukt, dabei.

 

„Und was ist mit eigenen Veranstaltungen wie Comic-Lesestunden oder Comic-Lese-Shows?“ Das verneint Regina Schulze-Dau. Sie findet, Bibliothekare sollten sich nicht als Comic-Kenner ausgeben. Dafür lädt sie lieber Zeichner*innen und Illustrator*innen, wie z. B. den Berliner Illustrator Paul Paetzel im Rahmen eines Förderprojektes oder Lesevermittler von Eventilator ein.
„Aber Sie lesen doch auch aus Kinderbüchern vor und die Kinder hören gespannt zu, wie ich mitbekommen habe?“ „Schon“, meint Frau Schulze-Dau, „aber Comics muss man zeigen, da sie bildgestützt sind. Die kann man nicht der ganzen Klasse in Form der klassischen Lesung als Buch präsentieren.“ Perspektivisch plant das Bibliotheksteam daher, hierfür sein ActivPanel mit Kamera einzusetzen.

 

Was die Stadtteilbibliothek Falkenhagener Feld erfolgreich umsetzt, ist für alle Bibliotheken empfehlenswert, die ihre Comic-Abteilung auf- oder ausbauen wollen: Frontalpräsentation, bekannte Titel zum Schmökern in der Bibliothek auslegen, eine gut sichtbare Comic-Ecke mit aktuellem Bestand und zur Bewerbung der künstlerischen Vielfalt einige besondere Titel, Aktionen wie Zeichen- oder Comic-Film-Nachmittage.

 

Bibliotheken sollten zudem die Stärken des Comic-Genres aktiv und eigenständig zur Leseförderung nutzen. Warum nicht das Bilderbuchkino umwidmen, ein seit Jahren geschätztes und mittlerweile selbstverständliches Veranstaltungsformat? Comics sind ideale Vermittler zwischen der visuellen, heute fast durchweg digitalen Welt und dem Printmedium Buch. Comic-Lese-Shows, die wie ein Bilderbuchkino aufgebaut sind, laden Kinder und Jugendliche zum Entdecken und vor allem zum eigenen Lesen ein. Probieren Sie es aus!

Frank Sommer
Leiter von Eventilator

 

Mehr Infos unter
www.berlin.de/stadtbibliothek-spandau/bibliotheken/falkenhagener-feld
oder
www.eventilator.de

 

Comics in der Berliner Stadtteilbibliothek Falkenhagener Feld
Bibliothek Falkenhagener Feld / © Gina Dau Fotografie

Zurück

Nächste Termine

22.08.2018

Leseclub-Workshop 2018

Herford, Stadtbibliothek

22.08.2018

Leseclub-Abschluss-Party 2018

Reinbek, Stadtbibliothek

23.08.2018

Leseclub-Abschluss-Party 2018

Glückstadt, Stadtbücherei

24.08.2018

Leseclub-Abschluss-Party 2018

Glauchau, Stadt- und Kreisbibliothek

24.08.2018

Leseclub-Abschluss-Party 2018

Landsberg, Stadt- und Schulbibliothek

...zur Übersicht Termine